Die Norderstraße ist Flensburgs heimlicher Star. In kaum einer Straße der Stadt gibt es so viel zu entdecken wie hier. Berühmt geworden ist sie für ihre hoch hängenden Schuhe, doch das ist nicht alles. Die kleinen Katzen, die sich um Hauseingänge und Treppenstufen schlängeln sind die eigentliche Attraktion.


Sie winken uns fröhlich, schlafen geruhsam und treten sogar mit kleinen Ufos in Kontakt. Könnt ihr alle Katzen der Norderstraße finden?

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Waschechter Flensburger und nach ein paar Jahren im Exil wieder an der schönsten Förde der Welt zuhause. Besonders angetan haben es ihm der Hafen und die Altstadt.

2 Kommentare

  1. Absolut toll, die meisten habe ich schon entdeckt. Zu den Schuhen gibt es ja schon ein Buch, daher mal eine Geschichte über jemand der auch aus der Norderstraße kommt: 🙂

    Auch eine Art von Seebär
    Selbstzufrieden blickt er über die Reling, um sich die Kapitänshäuser anzusehen, die den Weg vom Hafen zum Nordermarkt zieren. Nach all den Jahren ist er wieder angekommen in seiner Heimatstadt Flensburg. So viele Häfen hat er gesehen, aber keiner kann gegen diesen bestehen. Er ist zu Hause. Um dies auf seine alte Tage genießen zu können, hat er sogar auf diesem kleinen Ausflugsdampfer angeheuert, der nur die Innenförde rauf und runter schippert. „Was soll´s?“, denkt er sich. „Die Welt habe ich schon gesehen.“
    Aus dem Steuerstand weht Rauch zu ihm herüber. Der Alte hat sich wieder eine Pfeife angesteckt. Oh, wie er das liebt. Obwohl er selbst nicht schmökt, fand er die Pfeife rauchenden Seebären seit jeher wunderbar. Tabak- und Teergeruch. Für ihn gibt es nichts Schöneres.
    Am Kai spaziert ein junges Ding aufreizend langsam an seinem Kahn vorbei. Er ist in die Jahre gekommen, sich aber seines rauen Charmes durchaus bewusst. Er trägt gestreift, wie es sich für einen Seemann gehört. Die junge Dame hat einen leicht asiatischen Einschlag und das hat schon immer Wirkung auf ihn hinterlassen. Eroberungen und Schlägereien in der ganzen Welt waren damit verbunden. Sollte er von Bord gehen und es noch mal versuchen? Mal sehen, wenn sie nochmal vorbeikommt, vielleicht.
    Aufgewachsen war er in der Norderstraße und während sich seine Familie und Freunde hauptsächlich für die Stadt interessierten, zog es ihn stets zum Hafen. Ein- oder zweimal wäre er beinahe überfahren worden, als er über die Schiffbrücke zum Kai lief. Seine Kindheit verbrachte er bei den Fischern am Ostufer und entwickelte dort seine Vorliebe für Fisch. Sehnsuchtsvoll schaute er auf das Wasser und den Horizont. Was sich da wohl verbarg? Eines Tages wurde die Sehnsucht zu groß. Er verabschiedete sich von seinen Kameraden und den Hinterhöfen Flensburgs, um auf einem großen Segelschiff anzuheuern, das aufgrund einer Festlichkeit hier vor Anker lag.
    Jeder mochte ihn und weil er seine Aufgaben gewissenhaft erledigte und sich schnell an den Ton und die Befehle auf See gewöhnte, gehörte er schon nach wenigen Tagen zur Mannschaft. Den Äquator überquerte er und ruhigen Gewissens kann er sich noch als echter Kap Hornier fühlen, der diese raue Passage auf einem Großsegler hinter sich brachte. Niemals wurde er seekrank und so mussten die Neuen oft seinen Spott ertragen, bis er in Südamerika in einem Hafen etwas Falsches gegessen hatte und sich Leib und Seele aus dem Körper würgte. „Gift“, urteilte der Schiffsarzt und bis zu seiner Genesung schaute die gesamte Besatzung jeden Tag an seinem Krankenbett vorbei. Mit Seekranken ging er seitdem etwas gnädiger um. Schließlich wurde er wieder gesund. Er war sich sicher, dass ihn nur die gute Seeluft gerettet hatte. Na ja, und wohl auch ein wenig der Doktor.
    Seine Schwäche waren die Frauen. Kaum eingelaufen stahl er sich von Bord und eroberte die Hafenspelunken und deren Schönheiten. In jedem Hafen hatte er mindestens eine und hinterließ auf allen Kontinenten seine Nachkommen. Ihn kümmerte das nicht. Befriedigt kehrte er alsbald an Bord zurück und ließ die fremden Orte und gebrochenen Herzen hinter sich.
    Und doch beeinflussten die Frauen sein Schicksal. In China war es, als er mal wieder im Streit um eine Schöne in einen Kampf geriet. Das war ihm schon oft passiert, aber diesmal ging es gegen eine Übermacht und um Leben und Tod. Schwer verletzt rettete er sich in einen Hinterhof und verfiel in einem komatösen Schlaf. Am nächsten Tag war sein Schiff verschwunden und ebenfalls die halbe Sehkraft seines rechten Auges. Jetzt wurde es schwerer irgendwo anzuheuern. Aufgrund seines ramponierten Aussehens traute ihm wohl niemand zu, seine Aufgaben erledigen zu können und nur mit viel Glück heuerte er schließlich auf einem Frachtschiff an. Seine Wunden verheilten und irgendwann half ihm sogar sein verwegenes Aussehen. Schiffe konnte er wieder nach Belieben auswählen und beim Kampf um die Frauen genügte den Konkurrenten ein Blick in sein Gesicht, um ängstlich das Weite zu suchen.
    Nicht nur die Meere wollte er kennen lernen, sondern auch verschiedene Schiffstypen. Und so ging er im Laufe der Jahre mit einem Trawler auf Fischfang, arbeitete auf einem dieser langweiligen Containerschiffe auf dem es viel zu wenig Hafentage gab, schipperte auf einem Rheinkahn und versuchte sich sogar mal auf einer Fähre. Da gefiel ihm besonders, wie er bei den Tagesgästen und deren Kindern gut ankam. Aufgrund seiner Ausstrahlung war er für sie der Star. Doch alles kann einem zu viel werden. Irgendwann langte ihm es und er wechselte auf ein Schiff, das die Häfen der Bretagne abklapperte. Vielleicht hätte er dort sein Seefahrerleben beendet, wenn sie nicht eines Tages an den Schiffsfriedhof in Camaret sur Mer gelangt wären.
    Dort standen sie auf dem hochgelagerten Damm, die abgetakelten Hochseetrawler, die aufgrund der neuen Fangquoten unrentabel geworden waren und nun den unwürdigen Tod an Land erleben mussten. Die Planken zeigten Löcher und die Farbe verblich in der Sonne und blättert langsam ab. Ne, dachte er, sterben willst Du in der Heimat und nicht als ausgeblichener Knochen angespült in der Fremde enden. Während er bis jetzt seine nächsten Stationen mehr oder weniger zufällig angesteuert hatte, wollte er nun zielgerichtet vorankommen. Das fiel ihm gar nicht so leicht, aber schließlich lief er ein Jahr später dann doch in seiner alten Heimatstadt ein. Und schon am nächsten Tag hatte er auf diesem kleinen Kahn angeheuert. Glück gehabt. Er hatte eben nicht nur seine halbe Sehkraft verloren sondern auf seine alten Tage auch die halbe Seekraft ohne „h“.
    Die junge Dame kommt zurück und geht wieder aufreizend langsam am Schiff vorbei. Soll er´s nochmal wagen? Sich im Heimathafen eine neue Braut anlachen? Das Schöne am Alter ist, dass man meint alles zu können, aber es sich nicht mehr selbst beweisen zu müssen. Die Natur im Zaum halten zu können, ist irgendwie auch befriedigend. Er geht zur Bank auf dem Sonnendeck, rollt sich zusammen und schläft augenblicklich ein. Schöne Träume von den weißen Stränden auf Hawaii und von Fisch begleiten ihn.
    Kapitän Paulsen zündet sich eine neue Pfeife an und betrachtet aus dem Ausguck sein neues Crewmitglied. „So gut möchte ich das auch mal haben“, denkt er sich. Aber der alte Kerl hat ja offensichtlich schon einiges hinter sich, da hat er sich einen ruhigen Lebensabend verdient. Er träumt bestimmt, so wie seine Barthaare zucken. Und er hört sogar ein leises Schnurren. Was wohl so ein alter Seemannskater alles zu erzählen hätte?

    Ulrich Borchers (c)

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